Internet der Zukunft: Niemand hat die Absicht, IP zu ersetzen

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Mobilfunker und auch chinesische Konzerne wollen das klassische Internet ersetzen. Die Idee ist aber weder neu noch praktisch umsetzbar.

Artikel
von
Sebastian Grüner veröffentlicht am
26. Juni 2020, 9:13 Uhr

Ein neues Internet wird es so bald wohl nicht geben.
(Bild: Pixabay / Montage: Golem.de)

Die bereits im vergangenen Herbst vorgeschlagene Forschungsidee, an der auch der Ausrüster Huawei beteiligt ist, nimmt immer größere politische Dimensionen an. Zusätzlich zu vielfacher Kritik aus Fachgremien hat zuletzt sogar die Europäische Kommission angekündigt, gegen die Pläne auf internationaler Bühne vorgehen zu wollen.

Inhalt:

  1. Internet der Zukunft: Niemand hat die Absicht, IP zu ersetzen
  2. Das Internet braucht kein neues Internet

Erste größere Aufmerksamkeit erreichte das Thema im Frühjahr, als die Financial Times (FT) von einem groß angelegten Plan berichtete, das bisherige Internet zu ersetzen. Hauptakteure seien hierbei der chinesische Staat sowie chinesische Konzerne wie Huawei, was perfekt in den aktuellen Handelskrieg zwischen den USA und China passt. Diese Darstellung ist jedoch sehr verkürzt, denn weder handelt es sich dabei um den ersten Versuch, Alternativen zu IP-basierten Netzen zu schaffen, noch um einen unerwarteten Versuch von Regierungen und Staaten, Einfluss auf die Weiterentwicklung und Kontrolle des Internets zu nehmen.

Grundlage des aktuellen Vorstoßes ist der Vorschlag einer Arbeitsgruppe bei der internationalen Fernmeldeunion (ITU-T), der von Huawei, China Unicom, China Mobile sowie dem chinesischen Ministerium für Industrie und Informationstechnik (MIIT) getragen wird. Das Dokument trägt den Titel New IP, Netzwerkzukunft gestalten, ist aber ebenso wie die bisherigen Antworten darauf nicht öffentlich. Das liegt wiederum an den Arbeitsrichtlinien der ITU-T, die eine Öffentlichkeit nicht vorsieht, wie viele andere supranationale Gremien und Organisationen auch.

Internet-Ersatz für die Zukunft

Der Netzwerkausrüster Huawei selbst beschreibt die Pläne von New IP auf einer speziell eingerichteten Webseite, die vermutlich als Gegenposition zu der FT-Veröffentlichung dienen soll, zumindest wird direkt auf den Artikel Bezug genommen. Demnach positioniert Huawei die New-IP-Initiative als Teil der Forschungsinitiative Net-2030 der ITU-T, bei der die Zukunft für Netzwerke untersucht werden soll.

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Für Huawei bedeutet das eigenen Angaben zufolge die Arbeit an Problemen aktueller Techniken, mit denen der Ausrüster offenbar konfrontiert ist. Ziel ist etwa eine semantische Adressierung, bei der Informationen zu Diensten direkt mit adressiert werden, was etwa Umwege über DNS vermeiden soll. Eine ähnliche Idee, allerdings mit dem Fokus auf Daten statt auf den hier von Huawei vorgestellten Diensten, haben wir bereits 2016 mit dem Named Data Networking vorgestellt.

Huawei möchte darüber hinaus etwa eine deterministische Verfügbarkeit von Diensten und höhere Datenraten erreichen sowie auch mittlerweile typische Angriffe wie DDoS-Attacken verhindern, die ursprünglich im Internet nicht bedacht wurden.

Neues Internet auch aus Europa

Wie erwähnt ist Huawei in diesem Bestreben jedoch alles andere als allein. So gab es in der Vergangenheit bereits ähnliche Versuche unter Schlagworten wie etwa Next Generation Network. Darüber hinaus hat auch das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen (Etsi) im Frühjahr dieses Jahres eine ähnliche Initiative angekündigt.

In der Ankündigung des Etsi bezeichnet das europäische Gremium das Ziel der Arbeiten als Non-IP Networking (NIN), schließlich suchten Provider nach Technologien, die ihren Anforderungen möglicherweise besser entsprechen als das in aktuellen Systemen verwendete TCP-/IP-basierte Netzwerk. Auch hier werden die Arbeiten von Unternehmen vorangetrieben, die im Mobilfunkbereich tätig sind. Zumindest heißt es schon in der Ankündigung, dass die Nutzung von Internetstandards im 4G-Protokollstapel zu Problemen geführt habe. Details dazu sollen folgen.

Dass also beispielsweise China allein einen Angriff auf das bisherige Internet starten und dieses ersetzen will, wie etwa die Financial Times nahelegt, ist nicht belegbar. Vielmehr scheint es eher so, dass hier eben vor allem Mobilfunkkonzerne weltweit nach Lösungen für Probleme suchen, die sie offenbar in ihren eigenen Netzen sehen. Das Internet selbst dient aber anderen Zwecken, weshalb die Vorschläge auf große Kritik stoßen.

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